Ich starte den PC und stelle fest, dass das tote Bad verschwunden ist. An seiner Stelle erscheint Haus Sahara 143, ein karger Imbiss an einem Highway, der durch Algerien führt. Im Haus lebt Malika, eine korpulente, großzügige Frau mit ihrer Katze und zwei Hunden. Für die wenigen Gäste, die zukehren, gibt es Tee und Omelett. Das gemauerte 20 Quadratmeter Häuschen ist umgeben von Sand, Dünen und Geröll. Im Umkreis von mehreren Kilometern lebt keine Menschenseele. Viel Wind, viel Hitz, viel Nacht. So geht’s also auch.

Nach dieser morgendlichen Fata Morgana, die vom ARTE-Film (1) des Vorabends herrührt, meldet sich eine lose Seite des auseinander gefallenen Merve Büchleins von Jean Baudrillard (2): Auf Seite 71 sind Sätze angestrichen. Ich schreibe sie ab, weil mir sonst nichts einfällt. Das tote Bad ist ja weg. Ich könnte natürlich auch Töne in die Luft setzen und Klavier spielen, zum Beispiel „La Cathedrale engloutie – Die versunkene Kathedrale“ (3), weil Gott im letzten Blog 16 „fertig“ hat.  Schreibe lieber ab.

Die Schreibmönche des Mittelalters haben in den Schreibstuben das ganze Leben abgeschrieben, möchte ich anmerken, falls einer von euch Geistern was zu meckern hat. Schulmeisterlein Maria Wuz in Auenthal zum Beispiel hat abgeschrieben und dabei umgeschrieben. Auch sein Lebensbeschreiber – der Erzähler (4) –  hat keinerlei Mühe mit seiner kleinen Biographie. Er schreibt sie aus Wuzens Manuskript „Werthers Freuden“ (5) ab.

Ich lege jetzt die lose Seite 71 über das Wuz-Büchlein auf und schreibe Baudrillard ab:

„Die Annahme ist nicht absurd, dass die Vernichtung des Menschen mit der Vernichtung der Keime beginnt. Denn so, wie er ist, ist der Mensch mit seinen Launen, seinen Leidenschaften, seinem Lachen, seinem Sex, seinen Ausscheidungen, nur ein dreckiger kleiner Keim, ein irrationaler Virus, der das Universum der Transparenz stört. Wenn der Virus ausgemerzt sein wird, wenn alles gereinigt sein wird und man jeder sozialen und bazillenhaften Ansteckung ein Ende gesetzt haben wird, bleibt nur mehr der Virus der Traurigkeit in einem Universum tödlicher Sauberkeit und tödlicher technischer Vervollkommnung übrig.

Das Denken, auf seine Weise ein Netz aus Antikörpern und natürlichem Immunschutz, ist seinerseits stark bedroht. Es läuft Gefahr, durch eine elektronische zerebral-spinale Blase ersetzt zu werden, die von jedem animalischen oder metaphyischen Reflex gereinigt ist. Selbst ohne all die Technologien dieses Blasenkindes leben wir bereits in dieser Blase, in einer Kristallkugel, wie bestimmte Figuren von Hieronimus Bosch, in einer tranparenten Hülle, in die wir uns zurückziehen, gleichzeitig wehrlos und überbehütet, künstlicher Immunität und ständiger Transfusion ausgeliefert und dazu verdammt, beim leisesten Kontakt mit der Welt draufzugehen. Solchermaßen sind wir alle dabei, unsere Abwehrkräfte zu verlieren: virtuell Immunschwache zu sein.“

Na seawas. Ich bin grad richtig froh über diesen Text.

Vor allem froh, dass ich ihn im Moment für mich ganz alleine habe.

Noch froher, dass ich ihn nicht mit simplen Geimpften diskutieren muss.

Noch froher, dass ich ihn nicht mit einem der eingebildeten Stechärzte …

Noch froher, nicht mit einem Impfplotikeri, einem Wirrologen …

Noch …

POST SCRIPTUM:

Manchmal hört Wuz „in seiner tanzenden taumelnden Phantasie nichts als Sphärenmusik“. Kurz gesagt, Wuz beherrscht eine große Kunst – schifft fröhlich über seinen „verdünstenden Tropfen Zeit“ (4).


  1. Malikas Königreich. Dokumentarfilm Originaltitel: 143 Rue du Désert| Frankreich/Algerien 2019 | 90 Minuten. Regie: Hassen Ferhani

 2. Jean Baudrillard „Prophylaxe und Virulenz“ in „Transparenz des Bösen. Ein Essay über extreme Phönomene“. Merve Verlag Berlin 1992, S 71

3, Claude Debussy (1862 – 1918): “Préludes“ für Klavier. Nr. 10

4. Der Erzähler ist Jean Paul, eig. Johann Paul Friedrich Richter (* 1753, Wunsiedel im Fichtelgebirge –  + 1825 Bayreuth): „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal“ ist eine Erzählung von Jean Paul, die im Januar 1793, in den Roman „Die unsichtbare Loge“ eingelegt, erschien. 

5. „Werthers Freuden“ bezieht sich als „Wertheriade“ von Jean Paul auf Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ und wohl auch auf eine 1775 von Friedrich Nicolai  erschienene Parodie. Goethe, der mit dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ einen Riesenerfolg landete, war über Nicolai so verärgert, dass er auf ihn dieses Gedicht verfasste:

Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie ihn so Leute haben.
Der setzt sich nieder auf das Grab,
Und legt ein reinlich Häuflein ab,
Schaut mit Behagen seinen Dreck,
Geht wohl er atmend wieder weg,
Und spricht zu sich bedächtiglich:
„Der arme Mensch, er dauert mich
Wie hat er sich verdorben!
Hätt’ er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“