Auf der Suche nach dem Verschwundenen entdecke ich „Die Toteninsel“ auf youtube, ein Orchesterstück von Sergej Rachmaninow, der 1907 eine Schwarzweißkopie des gleichnamigen Gemäldes des Schweizer Malers Arnold Böcklin gesehen hat und danach die sinfonische Dichtung (1) komponierte. Zu dieser Zeit verfasste Alfred Kubin in nur sechs Monaten seinen einzigen Roman: „Die andere Seite“. Er erschien 1909. Ich habe die von Kubin illustrierte Fassung gelesen. Keine Kleinigkeit. Die Reise geht von München – Constanza – Batum – Baku – Krasnowodock – Traumland Samarkand – Traumstadt Perle. Die letzten Sätze: „Die abstoßenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiß – das sind Kämpfe. Die wirkliche Hölle liegt darin, dass sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt zwischen ‚Kloaken und Latrinen‘. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.“

Die dunklen Zeichnungen Kubins beschäftigen mich. Erstmals habe ich kurz zuvor seine Zeichnungen in Dostojewskis Roman „Der Doppelgänger“ (auch keine Kleinigkeit) entdeckt. Seither zieht es mich immer wieder zu den dünnen schwarzen Strichen der Finsternis Kubins. Noch im August besuchte ich sein Sterbezimmer in Zwickledt. „Sind wir denn nicht mehr als dieses Knochengestell, umspannt von Fleischsträngen? Als dieser Korb und Sack, gefüllt mit zuckenden, pumpenden und saugenden Organen, wie ein volles Nest nackter Seetiere ineinandergeschmiegt. Wäre das alles?“ (2)  

Da tauchen aus dem toten Bad zwei graue Knie (Storzen) im Geistnebel auf, kurz danach der Kopf des Verschwundenen: El Desaparecido (3).

Me llaman el desaparecido               Sie nennen mich der Verschwundene,

Que cuando llega ya se ha ido           der wenn er kommt, schon wieder weg ist.

Volando vengo, volando voy              Fliegend komme ich, fliegend gehe ich

Deprisa deprisa a rumbo perdido      Eilig, eilig auf verlorenem Weg.

Cuando me buscan nunca estoy        Wenn sie mich suchen, bin ich niemals da,

Cuando me encuentran yo no soy      wenn sie mich finden, bin es nicht ich

El que está enfrente porque ya          der gegenüber steht, weil ich schon

Me fui corriendo más allá                  eilends weiter hinüber (ins Jenseits) bin.

Winzige Metallreste der korrodierten Kniegelenksprothesen des im Toten Bad aufgetauchten Verschwundenen werfen glitzernde Strahlen an die rissigen Wände. Im zerfallenen Wellnesscenter fallen Brocken zu Boden. Auf dem Salzwasser schwimmen ausgetrocknete Abszessreste. Batteriesonnen heizen. Dekadenz. Neubeginn.


1)         Sergej Rachmaninow (* 1873 Oneg – † 1943 Moskau )

2)         Zitate Alfred Kubin (* 1877 in Leitmeritz, Böhmen; † 20. August 1959 in Zwickledt, Gemeinde Wernstein am Inn). Österreichischer Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator. Roman: Die andere Seite.

3)         El Desaparecido = der Verschwundene. Auszug Lied von Manu Chao. → Youtube: Desaparecido, Lied von Manu Chao, CD Clandestino.

Los desaparecidos deutsch: Die Verschwundenen: In vielen Ländern Mittel- und Südamerikas übliche Bezeichnung für Menschen, die von staatlichen oder quasi-staatlichen Sicherheitskräften heimlich verhaftet oder entführt und anschließend gefoltert und ermordet wurden. Der Begriff erklärt sich aus der von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre bekannten Praxis der Militärdiktaturen vor allem in Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Peru, Guatemala, El Salvador und Uruguay.