(Sylvester ist. Der letzte Tag des Jahres 2021. Passend, um den gewagten Exkurs aus DIE ILLUSION DES ENDES 1)  von Baudrillard mit dem 3. Teil abzuschließen. Gewagt, weil der Text mehrfaches Lesen erfordert, um tatsächlich seine Flügel zu entfalten und abzuheben. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass der hier in 3 kleinen Abschnitten vorgestellte Text der zweite Teil des dritten Essays aus dem genannten grünen Merve Büchlein ist, der den Titel trägt: DAS AUFSTEIGEN DER LEERE ZUR PERIPHERIE HIN. Mein HInweis: Es geht da noch etwas Interessantes voraus. Vielleicht werde ich darauf später zurückkommen. Bevor ich weiter lese (abschreibe) noch eine Erinnerung: Es ging zuletzt um „eine geheimnisvolle Peripherie des Raumes, eine Gegenschwerkraft“.)

„Man könnte von den neuen Ereignissen sagen, dass sie von sich einen Hohlraum schaffen, in den sie hineinstürzen. Anscheinend wollen sie nur eines so schnell wie möglich, nämlich vergessen werden. Sie lassen fast keinen Raum für eine Interpretation, es sei denn für alle Interpretationen gleichzeitig, wodurch sie jeder Sinngebung und der schweren Anziehungskraft  einer kontinuierlichen Geschichte entgehen, um in die leichte Kreisbahn einer diskontinuierlichen Geschichte einzutreten. Sie sind schneller als ihr Schatten, sie treten meistens unvorhergesehen ein, haben aber keine Folgen. Meteorische Ereignisse, die aus der gleichen chaotischen Inkonsequenz hervorgehen wie Wolkenformationen. So machen … (…)“

(Ich leiste mir hier eine Auslassung, da sich der Text auf Ereignisse im Osten 1990 bezieht, die mir nicht unbedingt nötig erscheinen. Der letzte Satz des ausgelassenen Absatzes lautet:)

 „Der Bildschirm der Geschichte wechselt im gleichen ungestümen Rhythmus wie die natürlichen Phänomene.“

(Ich lese weiter) 

„Man hat den Eindruck, dass sich die Ereignisse von selbst überstürzen und sich unvorhersehbar auf ihren Fluchtpunkt zubewegen – auf die periphere Leere der Medien. So wie die Physiker von ihren Teilchen nur die Flugbahn auf dem Bildschirm sehen, rufen die Ereignisse bei uns kein Herzklopfen mehr hervor, sondern wir haben nur noch ein Kardiogramm 2) von ihnen, sie sind weder in der Vorstellung noch im Gedächtnis vorhanden, sondern nur ein (flaches) Enzyphalogramm 3), sie rufen kein Begehren hervor und verschaffen keinen Genuss, sondern sind nur ein Psychodrama und Bildschirmgeflacker.

In etwa so wie bei der Forpflanzung in vitro4): man verpflanzt den Embryo des realen Ereignisses in den künstlichen Uterus der Information, und dort bringt man zahlreiche verwaiste Föti zur Welt, die weder Vater noch Mutter haben. Das Ereignis hat ein Recht auf die gleichen Forpflanzungspraktiken wie die Geburt und auf die gleichen Euthanasiepraktiken wie der Tod.“

(Vorläufiges Ende auf S 37. Ich blättere um und bemerke, dass ich vielleicht doch noch einen 4. Teil mache. Vielleicht. Am Neujahrstag? Die Fussnoten in allen Texten stammen von mir und sind nicht im Originaltext. Ich brauche sie selbst und andere sind vielleicht auch froh darüber.)


1) Jean Baudrillard: Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse. Merve Verlag Berlin 1994, S 36,37.

2) Kardiogramm = 1. Elektrokardiogramm  2. Grafische Darstellung, Kurve der die Bewegung des Herzens anzeigenden Schwingungen des Brustkorbs (wikipedia)

3) Enzyphalogramm = gemeint ist wohl: Enzephalogramm =  Hirnstrombild; Messung der vom Schädel abgeleiteten Spannungsschwankungen, die eine Aussage über die Funktionsfähigkeit des Gehirns erlauben.

4) in vitro = lateinisch ‚im Glas‘ = organische Vorgänge, die außerhalb eines lebenden Organismus stattfinden.