Ich setze den in (1) begonnenen Gedanken der umgekehrten Anziehung hin zur Leere anstelle der Anziehung des Vollen durch das Volle fort und zitiere weiter auf S 35 des grün-weißen Büchleins „Die Illusion des Endes“ 1):

 „Das gäbe unseren Ereignissen vielleicht jene besondere Färbung, jenen Geschmack oder vielmehr diese Fadheit des Leeren und diese Nichtigkeit. So wie sie geschehen, wären sie bereits vanishing events 2), die kaum Sinn haben, weil sie bereits ins Leere abdrehen. Gegen die alte Physik von gerichteten Kräften: eine neue Gravitation, die wahre, die einzige, die Anziehung durch das Leere – zweifellos das grundlegende Naturgesetz.

Das würde viele Anomalien 3) erklären, darin eingeschlossen auch die des geistigen Universums und des „psychologischen“ Bereiches. So würden unsere Handlungs- und Bewegungsformen weniger vom positiven Antrieb als von der An- und Abstoßung abhängen. Eine zentrifugale Mobilität 4) von Teilchen, die sich von der Dichte befreien wollen?

Aber an was wollen sie sich denn anschließen?

An eine geheimnisvolle Peripherie des Raumes, eine Gegen-Schwerkraft?

So würde man der schweren Form, der Gravitation und dem Gravitätischen des „Begehrens“, das als eine positive Anziehung begriffen wird, durch die viel feinere Exzentrität der Verführung entkommen, die – um alte Kosmonogien aufzugreifen, die auch ihren Reiz haben – ein schöner Ausflug von viel leichteren Molekülen aus dem Körper wäre, welche nur eine einzige Fluchtlinie kennen, nämlich die des Leeren (so wie in der poetischen Sprache, bei der jedes Teilchen seine Auflösung in der anagrammatischen Resonanz findet.)


1) Jean Baudrillard: Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse. Merve Verlag Berlin 1994, S 35.

2) vanishing events = verschwindende Ereignisse

3) Anomalie = Unregelmäßigkeit. In der Informatik unterscheidet man grob in vier Grundprobleme: Verlorenes Update, Schreib-Lese-Konflikt, Nichtwiederholbares Lesen und Phantomproblem. In der Medizin sind sie zumeist angeboren (kongenitale Anomalie) und entstehen aus genetischen Defekten durch Störungen in der Organogenese, Zerstörung oder Veränderung von Organen während der Fetalentwicklung oder durch toxikologische oder mechanische Einwirkungen auf das Ungeborene.   

4) zentrifugal =  von innen (von einer Rotationsachse sich entfernend) nach außen strebend

5) Anagramm:  Ein Anagramm oder Schüttelwort ist ein Wort, das durch Umstellen der Buchstaben eines anderen Wortes entsteht. Wenn aus einem sinnvollen Wort ein anderes sinnvolles Wort entsteht, liegt ein echtes Anagramm vor (Angel – Nagel). Oft können Anagramme aber auch unverständlich oder Nonsens sein. Indem die Reihenfolge der Buchstaben geändert wird, können Rätsel oder verschlüsselte Nachrichten geschrieben werden. Auch im Alltag tauchen solche Anagramme auf: Wenn sich jemand verspricht oder auf der Tastatur vertippt, entsteht häufig ein unverständliches Anagramm.