Als ich am 18. Jänner 1981 mit 34 Jahren – ich arbeitete damals im Gymnasium Schoren als Lehrer für Deutsch und Musikerziehung – mit ca. tausend jugendlichen und erwachsenen DemonstrantInnen zum Dornbirner Rathaus zog und mit allen lauthals skandierte „Bohle raus, wir wollen jetzt ein Jugendhaus“, erlebte ich zum ersten Mal Bürgergroll.

Kopfschüttelnd standen „die Alten“ am Straßenrand „auf dem Bürgersteig“. Ich, nicht mehr jugendlich (kein junger Hund mehr), wurde von den „Alten“ ab diesem Zeitpunkt als „Berufsjugendlicher“ bespöttelt, war den Anliegen der Jungen emotional und rational verbunden. Ich sah mich plötzlich einer grollenden Mehrheit Andersdenkender gegenüber, die für dieses Anliegen “nichts übrig“ hatte. Sie sahen darin eine Gefahr für die von ihren Ansichten geprägte städtische Gemeinschaft. Die Gefahr einer kommenden Unruhe.

Mit meiner Teilnahme an der Demonstration gehörte ich öffentlich, sichtbar deklarierter Demonstrant, zu den Anderen. „Wir sind die Kulturleichen der Stadt“ – „Mehr Potenz für Dornbirns Kultur!“ – verkündeten Transparente unseren Unmut. Junge und Alte waren gespalten. Nicht alle. Es gab in den Augen der Alten auch die „braven“ Jungen, die Vereinsjugendlichen. „Was brauchen die plötzlich ein Jugendhaus?“ schimpften die Alten, „sollen sie doch zu den Pfadfindern gehen oder in einen Sportverein – oder Jassen“.

Plötzlich befand ich mich, selbst ein wohlerzogener junger Erwachsener, ein Gymnasiumsprofessor aus katholischer Familie, auf dem schmalen Grat zwischen politischem Gehorsam und Ungehorsam in der kleinstädtischen Familie, die von konservativen Ruhegesetzen der absolut herrschenden Partei ÖVP dominiert war.

Zwei Lager hatten sich herausgelöst und standen sich ab dem 18. Jänner 1981 in direkter Auseinandersetzung gegenüber. Ich spürte Kriegsgefahr. Da könnten in wenigen Augenblicken zwei Gruppen aufeinander losgehen. Es war spannend, manchmal bedrohlich. Es wurde gestritten, es lag was in der Luft, in den privaten Familien und in der städtischen Familie. WIR, die Dornbirns Unkultur mit unserem Demonstrationszug provokant zu Grabe trugen und sie, deren Straßen wir einfach besetzt hatten. SIE, denen nichts blieb, als schimpfend zuzusehen. Sie, die feststellen mussten, dass wir uns still im Untergrund organisiert hatten und ihnen jetzt ungefragt auf IHREN Straßen IHRER Stadt mit Forderungen entgegenkamen. 

Lautstark traten wir für die Schaffung eines Offenen Hauses ein und artikulierten in Parolen und auf Flugzetteln Wünsche wie „Treffpunkt, Jung sein dürfen, ohne Konsumzwang, Freizeitprogramm, Gespräch, Beratung, Diskussion, Verantwortung, Phantasie, Selbstverantwortung, Information, Engagement, Kreativität, Weiterbildung“. So war es zu lesen. Die Wünsche nach autonomer Kulturgestaltung hatten sich in jahrelang, vergeblich im Rathaus vorgebrachten, Forderungen angehäuft.

„Fast 10 Jahre Warten sind genug. Jetzt reichts! Demonstration am Sonntag, 18. Jänner 1981, Treffpunkt 14 Uhr. Bahnhof Dornbirn. Route: Bahnhofstraße – Marktplatz – Kundgebung vor dem Rathaus. Kommt alle!“  So stand es im Demonstrationsaufruf.  Dornbirn aber „gehörte“ den Schwarzen. Nicht verwunderlich, dass der Souverän in Person von Bürgermeister Karl Bohle nach der Demonstration in privatem Kreis den Satz fallen ließ: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter!“.  40 Jahre sind seither vergangen. Wo ist die Karawane heute? Gibt es sie noch? Was transportiert sie? Wohin? Wer steht am Bürgersteig? Bellen Hunde?   

UGug

(erschienen in der ZS Kultur 12/2020)

Demo 1981 Dornbirn Selbstbildnis